KAPUTT: 
Die Akademie der Zerstörung
Zweites Manifest der Zerstörung, Hamburg Mai 2018
ÜBER

FUNDUS THEATER I THEATRE OF RESEARCH  

Warum dürfen wir nichts kaputtmachen, andere aber schon?
Wer entscheidet, was Zerstörung ist und was nicht?
Wer hat die Lizenz zur Zerstörung und warum?

Um solche Fragen zu klären, haben wir Ende Mai 2018 die Akademie der Zerstörung gegründet. Sie bestand aus sechs Kindern und sechs erwachsenen Künstler*innen oder -kollektiven als gleichberechtigten Mitgliedern. Vier Tage lang erprobten und diskutierten sie ihre Erfahrungen, Praktiken und Konzepte von Zerstörung.

In der Akademie teilten Kinder und Erwachsene ihre Lust an der Zerstörung: Playstations, Gitarren, Wohnzimmer, Bücher, Schultische, Handies, Glupschies, Autos und Maracujas mussten dran glauben.

Gemeinsam erarbeiteten Kinder und Erwachsene im Laufe der Akademie ein Videomanifest der kreativen Zerstörung.

Die Sessions der Akademie waren öffentlich und die Besucher*innen eingeladen, selbst ihr Zerstörungsdiplom zu machen. Gesucht wurden friedliche Arten von Zerstörung jenseits von Hass, Wut und Gewalt.

Nun kommt die Akademie zurück und zwar im Workshopformat für Schulklassen (4. – 9. Kl.) im Zeitraum vom 6. bis 12. Februar 2019. Unbedingt schnell buchen, um Zerstörung als künstlerische Praxis zu erforschen! Mail an post@fundus-theater.de

RÜCKBLICK 2017/18
Laborsessions

Donnerstag 24.05., 10:00 - 13:00 Uhr
Erste Laborsession, in der wir uns durch die Tür in die Akademie hineinbrennen und die wichtigsten Forschungsfragen an die Wand schreiben. Hier sind ein paar davon: Sollten Jolina und Devran unsere neue Playstation 4 wirklich zerstören oder vielleicht doch nicht? Wie verhält sich Zerstörung im Spiel zu Zerstörung in der Wirklichkeit? Wo gehen dargestellte und wirkliche Zerstörungen ineinander über? Anschließend lädt uns Matthias Anton dazu ein, mit ihm das Auto seiner Träume zu bauen. Leisten kann er sich das Auto nicht. Hat er deshalb jetzt den Wunsch, dass wir es kaputt machen und zwar alle zusammen? Vielleicht erfahren wir nebenbei auch etwas über Autozerstörung in Kunst, Politik und als Freizeitvergnügen.

Freitag 25.05., 10:00 - 13:00 Uhr
Zweite Laborsession, die wir mit Cheerleading beginnen, denn zum Glück hat sich Sammy für die Kaputt-Akademie einen eigenen Cheer ausgedacht. Dafür brauchen wir viele Pompoms, und die machen wir aus Mathebüchern. Währenddessen wird uns das erstaunliche Künstlerduo C.A.R.E erzählen, dass sie seit Jahren Katastrophen verkaufen. C.A.R.E glauben nämlich, dass Kaputtmachen sehr befreiend und inspirierend sein kann. Glaubt Ihr das auch? Gut, dass sie eine ihrer Katastrophen mitgebracht haben, so dass wir das ausprobieren können. Mischa brauchen sie nicht lange zu überzeugen, denn der mag Sprengungen und Planierungen schon lange und wird uns auch zeigen warum.

Freitag 25.05., 17:00 - 19:00 Uhr
Die Akademiemitglieder haben Pause, doch das Labor ist geöffnet. Das Künstlerduo C.A.R.E und das Forschungstheater laden Besucher_innen zu eigenen Experimenten und der Frage ein: Welche Gefühle verbinden sich mit dem Moment der Zerstörung?
Gerne können eigene zur Zerstörung vorgesehene Gegenstände mitgebracht werden!

Samstag 26.05.,  ab 10:00 Uhr
Dritte Laborsession, in der wir ganz genau hinsehen wollen: Das Forschungstheaterteam berichtet, was wir mit einer Spezialkamera und einem Zoomgerät über den Moment der Zerstörung herausgefunden haben, Eva Meyer-Keller lädt uns ein, tropische Früchte zu sezieren und will beweisen: Je kleiner die Zerstörung, desto fieser. Und schließlich wird Abraham mit uns wetten: Was hält länger, Handy oder Mixer? Und kann man einen Mixer zur Erkenntnisgewinnung einsetzen?

Samstag 26.05., ab 15:00 Uhr
Vierte Laborsession, in der es ziemlich ernst wird, weil wir jetzt, wo Samstag ist, mal besprechen können, wie es mit der Zerstörung in der Schule ist. John erzählt uns – mutigerweise – davon, wie es ist, Sachen in Schulen zu zerstören, und warum das passiert. Und vielleicht reden die Erwachsenen dann mal darüber, was Schule in ihrem Leben alles kaputt gemacht hat. Und dann hilft eigentlich nur noch Armin Chodzinski und sein heiß ersehntes Gitarrenzerstörungskonzert. Hoffentlich dauert das lange.

Sonntag 27.05., 11:00 - 15:00 Uhr
Die letzte Laborsession, in der endlich Marie zu Wort kommt und eine wichtige Frage stellt: Wieso kriegen Staatschefs keine Strafarbeit, wenn sie es nicht schaffen, Konflikte friedlich zu lösen? Wieso funktioniert das, was unter Kindern doch meistens klappt, auf der weltpolitischen Ebene nicht? Vielleicht kann Kai van Eikels uns helfen, das zu verstehen. Er lädt uns ein uns zu bewegen und dabei zu erleben, wie Konflikte in Bewegung entstehen und vergehen können. Eine Art Pogo in Slow Motion.

Anschließend geht es dem Ende zu und die Akademiemitglieder kommen zusammen, um Forschungsergebnisse zu diskutieren. Katharina Duve zeigt dazu alle Statements, die sie für das Videomanifest der Zerstörung in den vergangenen drei Tagen gesammelt hat. Was also haben wir über Zerstörung herausgefunden?

WEITERE INFORMATIONEN

Die englische Version von KAPUTT: THE ACADEMY OF DESTRUCTION war vom 26. bis zum 29. Oktober 2017 in Tate Exchange (Tate Modern London) zu sehen, in Zusammenarbeit mit Tate Families & Early Years, der Live Art Development Agency und Collaborative Arts Partnership Programme

Für die Akademie der Zerstörung haben wir mit folgenden Schulen zusammengearbeitet:

Stadtteilschule am Heidberg,
Otto-Hahn-Schule,
Schule Burgunderweg.

Wir danken den beteiligten Lehrer*innen und dem TuSCH-Programm!

26 Minuten 'In Favour Of Destruction'

FOTO: TATE PHOTOGRAPHY FOTO

 

MITGLIEDER DER AKADEMIE

Matthias Anton ist ein Experte der Zerstörung. Nicht nur, was sich selbst angeht, durch zu langes Aufbleiben zum Beispiel. Er hat auch haufenweise Bargeld verbrannt, er hat in China ein Boot bauen lassen, nur um es hinterher zu versenken, und er hat mit Schulklassen zusammen schon ganze Städte zerstört – aus Pappe zwar nur, aber immerhin. Zerstörung, findet Matthias, kann sehr, sehr befreiend sein. Sein Lieblingssatz ist: ‚Ohne Zerstörung kein Aufbau.‘

Sammy macht Cheerleading und hat für die Akademie einen besonderen Cheer entwickelt. Mathe mag sie nicht so gerne, deshalb hat sie Pompoms aus ihrem Mathebuch gemacht. Sie ist zur Akademie der Zerstörung gekommen, um die Grenze zwischen Zerstörungen, die verboten sind, und solchen, die erlaubt sind, zu untersuchen.

Eva Meyer-Keller beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Gewalt und ZerstörungIn Death is Certain (2002) z.B. entwirft sie 36 Mini-Szenarien von Folter und Hinrichtung, in denen sich die makellosen kleinen Körper der Kirschen zunehmend zu menschlichen Identifikationsfiguren transformieren. Alltägliche Haushaltsgegenstände werden zu Todeswerkzeugen, und am Ende gleicht der vormals klinisch saubere Tisch einem Schlachtfeld. Mit performativer Sensibilität und handwerklicher Sorgfalt an- und zugerichtet, werden sie zu Projektionsflächen für die Fantasien der Betrachter*innen. In Bauen nach Katastrophen (2007) werden Erdbeben, Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge, Lawinen, Großbrände, Terroranschläge, Explosionen, Überschwemmungen, Dürreperioden und Wirbelstürme von Kindern modellhaft im Bühnenraum nachgebaut und live projiziert. Die gewissenhafte, achtsam-konstruktive Tätigkeit des Bastelns bricht sich mit der Gewalt und Zerstörungskraft der realen Vorbilder.

Abraham findet, dass es schlimmer ist, Gefühle zu verletzen, als Gegenstände zu zerstören. Er hat sich deshalb ein Spiel für den Mixer ausgedacht, bei dem garantiert keine Gefühle verletzt werden, dafür allerdings Handys, Glubschis und Lollies. Oder auch nicht. Das werden wir dann ja sehen.

"In der Ruhe liegt die Gewalt“ lautet ein Motto von Kai van Eikels. Nachdem er in jungen Jahren als Regisseur Schauspieler*innen mit hysterischen Wutausbrüchen traktierte, halfen Philosophie, Literatur und Performance Art ihm dabei, feinere – und, wie er hofft, weniger blöde – Formen des Zerstörens zu finden. Inspirationen dafür, im Falschen auf die richtige Art subtil was auszurenken, bezieht er u.a. vom Marquis de Sade, von My Bloody Valentine und von Aikido-Phantasien. Seine Forschung dazu, wie man zusammen lebt und handelt, führt ihn aktuell dazu, sich mit den Kollektivitäten des Kaputtmachens zu befassen.

Jolina macht zuhause gern alles kaputt, was nicht mehr gebraucht wird. Vorzugsweise große Schränke. Außerdem kennt sie sich mit Fortnite aus, dem Spiel. Darin wird ja auch alles Mögliche zerstört, wie in vielen Videospielen. Deshalb erforscht Jolina das Verhältnis zwischen wirklicher und dargestellter Zerstörung und die Stellen, wo das eine in das andere übergeht.

Das Team des THEATRE OF RESEARCH macht schon lange Sachen kaputt. In 2006 schickten wir Kinder als Crashtester durch Schulen, in unserem Stück DA GEFAHR lassen wir gemeinsam mit dem Publikum ein Gummihüpftier explodieren. Und seit PLAYING UP sammeln wir ständig alte Elektrogeräte, nur um dann zu sehen was passiert, wenn man ein Handy in einen Küchenmixer steckt. Dabei haben wir Zerstörung als etwas Schönes, Aufregendes und Neues kennengelernt und beschlossen, Zerstörung zurückzufordern von den Bad Guys. Denn wir können das eigentlich besser.

John ist ein begabter Schüler, und doch hat er immer wieder Schwierigkeiten in der Schule. Vielleicht liegt das daran, dass er gern Türen eintritt oder daran, dass er schon in der dritten Klasse mal aufs Dach seiner Schule geklettert ist, um Wasser in die Lüftungsanlage zu gießen. Und tatsächlich: Es regnete dann in der Mensa.

Armin Chodzinski ist überhaupt nur Künstler geworden, weil Weihnachten 1986 ein Musiker in der Hamburger Markthalle sein Konzert begann in dem er 8 Akustikgitarren zerschlug. WAS WAR DAS? Etwas gut machen, etwas besser machen, vor allem deshalb weil man so unglaublich wütend auf das ist, was alles ungerecht in der Welt ist! Das hat ac an unterschiedlichste Orte geführt: in große Unternehmen und kleine Ausstellungshäuser, in dunkle Theater und helle Universitäten, an geheime Küchentische und öffentliche Radios. Erstaunlich, das bei dem Versuch etwas zu verstehen eigentlich immer irgendetwas kaputt geht, aber so ist es und deshalb ist er irgendwie ein Experte für das Zerstören und gleichzeitig ein ausgeliefertes Opfer - zumindest bildet er sich das manchmal ein.

Mischa wäre gerne Bürgermeister, um zu entscheiden welche Häuser in die Luft gesprengt werden dürfen. Er ist Experte für Sprengung und Planierung. Seine Faszination für zusammenstürzende Häuser begründet sich sowohl in der Explosion selber, als auch in den Möglichkeiten, die dadurch entstehen. Was wird Neues gebaut in der Lücke? Ein Schwimmbad, eine Bibliothek oder ein Eisladen?

Christine van Meegen und Sebastian Kubersky – a.k.a. Studio C.A.R.E. – verkaufen Katastrophen. Sebastian übernimmt dabei gern den groben Part, Christine interessiert sich vor allem dafür, was nach der Zerstörung passiert. Studio C.A.R.E. nutzt die Zerstörung als Beschafferin für neues Material (die zerstörten Dinge) und räumichen Neuanfang (der Raum wo die Dinge vorher drin waren). Zerstörung war immer und ist ein wichtiges Werkzeug für neu machen, besser machen, inne halten, eingefahrene Routine beenden. Studio C.A.R.E. will die Katastrophe/ Zerstörung künstlich und künstlerisch in die Gesellschaft zurückführen, um das Abdriften in komfortable Krisen zu verhindern. Das hat dann auch den Vorteil, dass die negativen Aspekte von Katastrophen und Zerstörung, z.B. Tod und Verderben, weitestgehend weggelassen werden können. Studio C.A.R.E. findet, die Zerstörung muss einen festen Platz in der Mitte der Gesellschaft haben, und zwar als positive Nutzkraft für den Menschen.

Marie interessiert sich für den Zusammenhang zwischen kleinen und großen Zerstörungen.  Hat die kleine und harmlose Zerstörung z.B. von einem Glas oder einer Verpackung etwas mit Kriegen zu tun? Und was ist die Ursache von Kriegen? Wenn Marie sich streitet, dann hält sie sich von den Kindern fern, die sie nerven. Wieso machen das die Großen nicht auch so? Was müsste man zerstören, damit es keine Kriege mehr gibt?